Weitere News zu Fukushima Dai-ichi - Units 1 bis 4

Der Informationsfluss vom Betreiber TEPCO sowie von offizieller japanischer Seite ist eher unbefriedigend. Das hat selbst der japanische Premierminister (am 15.3) bemängelt. Auch sind klar massive Managementfehler für die Freisetzung von Radioaktivität verantwortlich. Dennoch sollte man aber auch den Stress der Arbeiter vor Ort beruecksichtigen (bevor man voreilig urteilt). Diese Leute unterliegen enormen emotionalem Stress sowie schwierigen Lebensbedingungen (unzureichende Versorgung mit Strom, Wasser und Lebensmitteln – wegen der Zerstörungen durch das Erdbeben) und müssen zudem oft auch den Verlust von Familien, Freunden und Besitz verkraften. Von Freunden aus der Region weiß ich, dass sie in den ersten (entscheidenden Tagen) oftmals tagelang eine Dusche, ja oft sogar eine funktionierende Toilette vermisst haben. Viele Tage nach dem Erdbeben mussten sie nachts (während die Erde immernoch bebte) nur auf Bettlagen auf dem harten Fußboden schlafen. Das Ausmaß der menschlichen Tragödien und des erneuten Wintereinbruchs ist in den deutschen Medien leider nur viel zu kurz angesprochen worden.

Es ist äußerst schwierig die wenigen Werte zur Strahlenbelastung sinnvoll zu interpretieren (Radioaktivität ist nicht gleich Dosiswert und Dosisleistung ist noch keine Dosisangabe, die Personen erhalten haben).

Natürlich ist jede Freisetzung von Radioaktivität zu verhindern und Messwerte von Iod im Trinkwasser einer Großstadt alarmieren. Da gehört es nun mal nicht hin! Dennoch sollte man die Werte aber in Relationen setzen und die unsachliche Panikmache (vor irgendwelchen Wolken die es gar nicht gibt) tunlichst unterlassen.

Radioaktivität kann nun mal sehr gut gemessen werden. Der Nachweis von Iod-131 in Europa war nur mit aller empfindlichster Messtechnik überhaupt möglich (und ist daher wohl eher ein wissenschaftlicher Ehrgeiz!).

Auch die Mengen an Iod und Cäsium ausserhalb der 30km Zone in Japan sind immer noch sehr gering. Die resultierenden Strahlenbelastungen sind im Bereich natürlicher Schwankungsbreiten. Die Presse gibt hier oft völlig unsinnige und aus dem Zusammenhang gerissene Werte wider. Einige Erläuterungen im folgenden sollen versuchen, Dinge in einen vernünftigen Vergleich zu setzen:

Nach einem Erdbeben kann man z.B. oft natürliches Radon (aus dem Erdinneren freigesetzt) messen, was sicher oft zu vermeintlichen Kontaminationen an der Kleidung von der Bevölkerung geführt haben kann, also möglicherweise gar nichts mit dem Kraftwerk zu tun hatte.

Alle Werte in Bq pro m2 (ob nun Iod, Cäsium oder andere Spaltprodukte) sind als Zahlenwert selbst nur bedingt aussagekräftig, da es unbekannt ist in welcher chemischen Form sie vorliegen: ob als Aerosole oder gasförmige Iodverbindungen (diese könnten eingeatmet werden) oder irgendwo fest haftende Radionuklide (z.B. verschüttetes kontaminiertes Wasser). Auch die Ausbreitung von gemessenen Aktivitäten in der Luft hängt stark von der chemischen Form der Radionuklide ab und anderen Parametern wie der Luftfeuchtigkeit (Dampfexplosion z.B. im Kraftwerks selbst transportieren viel Aktivität, schlagen sie aber in der nahen Umgebung nieder).

 

Wir wollen hier nichts beschönigen oder verharmlosen, aber zum derzeitigen Zeitpunkt ist nicht von einer Gefahr außerhalb der evakuierten Zone – vor allem auch nicht für den Raum Tokyo – auszugehen. Die gemessenen Dosiswerte außerhalb der evakuierten Zone sind nicht gesundheitlich relevant (auch in Bezug auf Spätschäden) und weit unterhalb von Dosiswerten denen wir uns ständig freiwillig (z.B. bei einem Flug mit dem Flugzeug) aussetzen. Genauer gesagt, sie sind sogar im Schwankungsbereich der natürlichen Strahlung (geographische Schwankung).

Z.B. hat der Grossraum Tokyo eine ganz normale Strahlenbelastung (weit vor dem Unfall) von 0,030 bis 0,080 micro-Sievert pro Stunde. Der erhöhte Wert (gemessen am 15.3. 4:00 UTC) war 0,144 micro-Sievert pro Stunde. Die Messwarte meldete aber bereits 30 Minuten später einen Wert von nur 0,045 mico-Sievert pro Stunde. Dies geht aus veröffentlichten seriösen Werten der IAEA hervor. Vergleichen wir das mit anderen Städten, z.B. Luxemburg hat 0.081 micro-Sievert pro Stunde als ganz natürliche Werte, in Kroatien sind es sogar 0,115 micro-Sievert pro Stunde.

Um eine Bewertung vorzunehmen sollte man sich auf dieser Domain über natürliche Schwankung der natürlichen Strahlenbelastung informieren und sich zudem bewusst sein, dass auch Dosiswerte (zumal so niedrige wie die Werte für Tokyo) statistischen Schwankungen unterliegen.

Die Messwerte für Tokyo Trinkwasser in den Medien waren nur ein ganz kurzzeitiger Spitzenwert und sind wenig später wieder verschwunden. Der hohe Wert könnte sogar auf eine schlechte Probenahme zurueckzufuehren sein. Tatsache ist, dass das Trinkwasser fuer Tokyo aus offenen Becken im Norden kommt, und zum Zeitpunkt der Messung in diesen Becken der Wind vom Kraftwerk Richtung Tokyo wehte und es geregnet hatte. Das war also wirklich ein besonderer Umstand. Der Wert war nicht vom Trinkwasser aus einer Leitung in Tokyo!

 

Am Kraftwerk gibt es mehrere Messwarten die Daten liefern .  

Der höchste Wert von 400 milli-Sievert pro Stunde (in der Nähe der Westseite von Unit 3) und 100 milli-Sievert pro Stunde (in der Nähe von Unit 4) waren nur kurzzeitig messbar. Der Wert von 400 milli-Sievert ist schnell auf 12 milli-Sievert pro Stunde gefallen. Auch in der Nähe von MP6 sind für 10 Minuten ein Wert von 6,40 milli-Sievert pro Stunde gemessen wurden, der Wert ist aber schnell auf jetzt 2,6 milli-Sievert gefallen.

Diese Spitzen sind möglicherweise von Druckentlastungen des kontaminierten Dampfes verursacht, da sie immer nur kurzzeitig auftreten, so z.B. ein Wert der innerhalb von nur einer Stunde von 0,8 bis 6,4 milli-Sievert pro Stunde schwankte.

Am Zaun der Anlage werden im Moment (17.3.) 0,3 bis 1,5 milli-Sievert pro Stunde gemessen. Die Bemerkung der deutschen Medien, dass die derzeitig im Werk arbeitenden 50 Arbeiter "Todeskandidaten" sind, ist absolut unverantwortlich und beschämend! Das Dosisminimierungprinzip als Arbeitsschutzmassnahme veranlasst die Verantwortlichen die Arbeiter nach einer bestimmten Dosis (die als vertretbar gilt) abzuziehen. Außerdem werden gar nicht so viele Leute im Moment vor Ort benötigt, da "einzig und allein" die Kühlung gewährleistet werden muss. Um es ganz simple und einfach auszudrücken, muss man einen Wasserschlauch hinlegen oder eine Stromleitung und dann "den Schalter" aus der Entfernung bedienen. Die Arbeiten vor Ort werden ganz klar derzeit auf ein absolutes Minimum reduziert. Und das Gebot der Stunde ist irgendwie genug Kühlwasser zum Reaktor und den Brennelementbecken zu bringen und die Pumpen arbeiten zu lassen.

Die „Verstrahlung“ von 3 Arbeitern, die in der Presse so viel Beachtung fand, liest sich bei Kenntnis der Sachlage etwas nüchterner. Die Arbeiter hatten Dosimeter (also Messgeräte mit sich, die auch auf die Gefahr hingewiesen haben). Die Arbeiter haben diesen Alarm ignoriert. Die Auswertung der Dosimeter ergab, dass sie Strahlendosen am Körper von 173 mSv, 179 mSv, sowie 180 mSv erhalten haben. Damit hat keiner von ihnen das Limit von 250 mSv überschritten. Sie haben allerdings an den Füssen vermutete Strahlendosen von 2000 bis 3000 mSv erhalten (vermutet, da leichte Rötungen auftraten). Aus der Strahlenbiologie wissen wir aber, dass die Füße (da keine lebenswichtigen Funktionen und Zellteilungen) sehr unempfindlich auf Strahlung sind und daher gesundheitliche Schäden eher unwahrscheinlich. Die Arbeiter sind bereits nach kurzer Beobachtung aus dem Krankenhaus entlassen wurden.

 

Messungen im Meer:

Offensichtlich haben die Betreiber kontaminiertes Abwasser über die Pipeline des Kraftwerks ins Meer geleitet. Diese Einleitungen unterliegen gesetzlichen Bestimmungen. Die in den Medien genannten hohen Werte (74 kBq pro Liter für Iod-131 und 12 kBq pro Liter für Cs) wurden in der Nähe (330m) von der Einleitungsstelle gemessen. Diese Werte verdünnen sich daher natürlich sehr schnell. Die Werte im normalen Meerwasser in der Gegend sind für Iod und Cs zwischen „nicht nachweisbar“ bis max. 20 Bq pro Liter. Diese Einleitungen sind wohl erlaubt, da Iod eine kurze Halbwertszeit hat und daher relativ schnell zerfällt.

 

Dosiswerte in und um das Kraftwerk:

Die Internationale Atomenergiebehörde hat nun (seit 27.3.) eigene Experten vor Ort die Dosiswerte und Radioaktivität in der Umgebung und in Lebensmitteln messen. Diese Zahlen werden auf der Website der Organisation veröffentlicht. Hier soll nur eine allgemeine Tendenz wiedergegeben werden und einige Zahlen diskutiert werden, um eine Einschätzung der Lage zu erlauben.

In Fukushima city (siehe Karte) ist ein Dosiswert von 18,6 micro-Sievert pro Stunde zu messen (16.3.), in Koriyama ein Dosiswert von 2,7 micro-Sievert pro Stunde, und in Iwaki ein Dosiswert von 4,01 micro-Sievert pro Stunde.

 

Da keine kontinuierliche Freisetzung von Radioaktivität erfolgt (was positiv ist), sind die Dosis- und Kontaminationswerte nicht radial um das Kraftwerk verteilt, sondern die freigesetzte Radioaktivität wird transportiert und verdünnt sich dabei. Messungen zeigen jedoch zeitlich eng begrenzte lokale Spitzenwerte.

 

Auch hier muss man deutlich vergleichend an diese Werte herangehen und wissen, dass wir bei medizinischen Untersuchungen oft mehrere milli-Sievert erhalten.

 

Leider sind keine umfassenden Dosiswerte aus dem Inneren der Reaktorgebäude von Unit 1 bis 4 verfügbar, vereinzelte Werte in Unit 2 und 3 sind aber alamierend und weisen auf Beschaedigungen der Brennelementhüllrohre hin. Dies werden wir sehr genau beobachten und hier diskutieren, sobald mehr Daten verfügbar sind.

Zum gemessenen Plutonium (was die Presse vermeldet) liegen Zahlenwerte vor: Dazu muss man wissen, dass man selbst im Garten vor ihrem Haus oder vor dem Bundestag in Berlin Plutonium messen kann. Das kommt aus KEINEM Kernkraftwerk sondern ist bei Kernwaffentests der Militär freigesetzt worden (siehe diese Domain unter Plutonium). Die Werte in Fukushima sind moeglicherweise in genau diesem Rahmen erklärbar. Die Isotopenverhältnisse mit Pu-238/Pu-239 sind auch nicht wirklich mit Reaktorplutonium zu erklären. Hier braucht es weitere Messungen. Vom chemischen Standpunkt ist die Freisetzung eher unwahrscheinlich.

 

Updates zu den Problemen in Unit 4 und 5, wo die Kühlung der Lagerbecken mit abgebrannten Brennelementen lange Zeit nicht funktioniert hat:

Die Einschätzung der Lage ist schwierig, da Informationen fehlen. Tatsache ist aber, dass dies nichts mit den Reaktoren zu tun hatte. Die Reaktoren waren lange vor dem Erdbeben abgeschaltet worden. Die Sorge galt den Brennelementen im Lagerbecken neben dem Reaktor. Diese Brennelemente sind aber schon weit abgekühlt (da bereits vor mehreren Monaten aus dem Reaktor entladen). Die Brennelemente lagern in Becken normalerweise unter einer 10 bis 15 Meter dicken Schicht von Wasser. Falls (und das ist wirklich eher sehr unwahrscheinlich) das gesamte Becken austrocknet, dann könnten die Brennelemente sich aufheizen und geringfügig undicht werden und Radionuklide in die Umgebung abgeben. Aber dies wäre keine massive Freisetzung und schon gar keine Kernschmelze! Außerdem Wasser in ein Becken (das wie ein Schwimmbecken angelegt ist) zu pumpen ist nun wirklich nicht schwierig! Die Meldung über den Einsatz von Feuerwehrspritzen klingt vielleicht hilflos, aber erinnern wir uns doch wie wir unsere Schwimmbecken zu Hause auffüllen.

Die Angaben der Beckentemperaturen zeigen das Problem: Wie kühlt man ein Becken voller Wasser das sich aufheizt – der Vergleich mit einem Schwimmbecken in der Sonne ist hier wohl wieder angebracht. Man muss das Wasser über Wärmetauscher pumpen, um die Wärme abzuführen. Dies war aber wegen fehlender Elektrizität für mehrere Tage nicht möglich. Die Zahlenwerte im einzelnen: Unit 6 hatte mehrere Tage 60 grad C, Unit 5 zeigte 3 Tagen 60 grad C – die Temperatur stieg aufgrund der fehlenden Kühlung mit etwa 1 grad C pro Tag. Im Becken von Unit 4 war diese Temperatur bis auf 80 grad C angestiegen, da teilweise frisch entladene Brennelemente vorhanden sind. Meldungen, dass dieses Becken trocken war oder nur noch sehr wenig Wasser (auch notwendig für die Abschirmung von Strahlung!) hatte, wurde von japanischer Seite nie bestätigt.

Die Lage der Becken ist aber nicht mehr kritisch, da die Kühlung wieder funktioniert.

 

Abschliessende Bemerkung:

Vom rein technischen Standpunkt muss deutlich sagen, dass die Technik das verheerende Erdbeben offensichtlich beherrscht hat. Im Moment wage ich sogar zu sagen, der Tsunami (der die Dieselgeneratoren der Notkühlung außer Funktion gesetzt hat), hat noch im Bereich eines Auslegungsstörfalls gelegen. Sicher ist das Zusammenspiel des Tsunami und die völlig zerstörte Infrastruktur im Zusammenspiel mit massiven Management-Fehlern der Betreiber die wirkliche Ursache für die derzeitige Situation. Das Ereignis wird von offizieller Seite bisher auf der Skala der nuklearen Störfälle auf Stufe „4“ eingeordnet (Tschernobyl war Stufe 7). Diese Einstufungen haben aber nichts mit dem Umfang der Freisetzung von Radioaktivität zu tun, sondern wie gravierend technische Einrichtungen und Personal versagt haben.

 

(Stand vom 28.03.2011, 20:00 Uhr) Dr. Kronenberg reist vom 5. bis 17. April selbst nach Fukushima. Daher wird es in dieser Zeit keine updates geben!

 

weitere LINKS (in englisch):

Fukushima prefecture website

Disaster informationen Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology

 

 

(ältere Beiträge werden in den Info-Pool verschoben!)

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